11Apr2011

Muzika iz Srbija: Serbien-Vorentscheid für den Gedankendeponie-Song-Contest

closeThis post was published 3 years 6 months 23 days ago, which probably makes it incredibly outdated. It may not represent my current opinion on the subject, it may be an incoherent mess or it may just be way below the standards of my more recent posts. Please keep this in mind when reading.

Apologies to English readers for this German entry. I might write an English post about this topic some time, but for now you may use Google Translate.


Zufällig bin ich bei Julia auf den sogenannten “Gedankendeponie-Song-Contest” (siehe auch die Info-Seite) aufmerksam geworden, der dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Ich bin ja nur sehr bregrenzt in der deutschen Blogosphäre unterwegs, da ich nunmal selbst auf Englisch blogge und auch einige Zeit gebraucht hab um interessante Blogs aus Deutschland zu finden. Deshalb war dieser Song-Contest ein absolutes Novum für mich und ich musste erstmal rausfinden was das überhaupt ist. Simpel gesagt ist es ein Konterprojekt zum Eurovision Song Contest, nur nicht so cheesy und mit Veranstaltungsort Blog(s). Ich war natürlich spät dran als ich mich angemeldet habe, deshalb waren die ganzen “coolen” Länder, bzw. die in denen ich mich in der musikalischen Szene ein bisschen auskenne schon vergeben. Aber eins der Länder die noch frei waren hat mich dann doch interessiert: Serbien.

Also hab ich mich angemeldet. Kurz danach dachte ich “Oh je, ich kenne doch nur zwei serbische Bands”, andrerseits hat der Contest mein Interesse geweckt mich mal wieder ein bisschen intensiver mit dem Land und seiner Kultur zu beschäftigen. Leider war ich noch nie dort, ich habe aber aus familiären Gründen viel mit der Kultur zu tun und bin bereits am Versuch die serbische(/kroatische/bosnische) Sprache zu lernen verzweifelt. Obwohl ich in einer serbischen Konversation oft das Thema heraushöre und ca. 20-40% verstehe, kann ich mich selbst überhaupt nicht ausdrücken. Warum müssen die es einem mit diesen 7 Fällen auch so schwer machen? Selbst Sprachfanatiker Tolkien ist an der Sprache gescheitert. Aber durch meine noch so geringen Kenntnisse habe ich im Umfeld des Song-Contests natürlich den Vorteil das ich auch so ein bisschen erraten kann worum es in Liedern geht, oder wenn es mich wirklich interessiert natürlich auch die Familie oder Google Translate fragen kann.

Bevor ich mich den serbischen Musikern zuwenden kann, sollte ich natürlich ein paar Fakten über das Land auf den Tisch legen von dem wir Deutschen meist nur entweder uninteressante oder negative Aspekte mitbekommen. Die Republik Serbien ist grade mal 5 Jahre jung. Fast 100 Jahre lang existierte Serbien nur als Teil vieler verschiedener Unionen, darunter das Königreich Jugoslawien und die spätere Sozialistische Republik Jugoslawien. Jugoslawien (übersetzt “Südslawien”) war ein Vielvölkerstatt der sich über einen Großteil des Balkans erstreckt hat. Zu Jugoslawien gehörten die Sprachverwandten Länder Bosnien, Hercegovina, Kroatien, Montenegro und Serbien, sowie die Nachbarstaaten Slowenien und Macedonien. Diese Union hat lange friedlich funktioniert, aber wer die letzen 20 Jahre nicht grad unter hinterm Mond gewohnt hat, der erinnert sich vielleicht noch an den Jugoslawienkrieg. Das Resultat des Krieges war eine komplette Auflösung des Vielvölkerstaats (wobei das “Volk” oft an der Religion definiert wird, eine schwierige Angelegenheit für Atheisten). Trotz allem war der Krieg weder der erste noch der letzte – Serbien’s Hauptstadt Belgrad liegt an der Donau und ist ein “Tor zum Orient”, wohl mit ein Grund warum die Stadt durchschnittlich alle 37 Jahre seit dem Jahr 1 nach Christus unter Angriff war, in 115 Kriegen umkämpft wurde und insgesamt ganze 44 mal komplett plattgemacht wurde. Wessen Interesse an der umfangreichen Geschichte ich geweckt haben sollte, dem sei dieses Wikipedia-Portal ans Herz gelegt (anderweitig empfehle ich auch die BBC Doku “The Death of Yugoslavia”).

Das alles ist gar nicht so unrelevant für die serbische Musikszene, denn bevor man sich Bands aus Serbien aussucht sollte mal eine Definition für “Serbien” festlegen. “Serbe” ist in den meisten Fällen jemand dessen religiöse Abstammung “Serbisch Orthodox” ist, auch wenn er heutzutage Atheist sein sollte. Durch die lange Existenz als Teil einer Union, die zudem Belgrad als Hauptstadt hatte, sind die sprachverwandten Länder Bosnien, Kroatien und Serbien zusammengewachsen, was sie eigentlich ohnehin schon waren. Es gibt in allen Ländern Minderheiten aus den anderen Ländern, sowie vom ganzen restlichen Balkan. Daher werd ich es mit der Zuordnung der Bands etwas lockerer sehen, denn wenn die Band nicht grad aus Nazis besteht wird es in Serbien in vielen Fällen auch Mitglieder oder gar ganze Bands geben die nicht “serbisch” sind.

Wenn mal als Außenstehender versucht sich ein Bild von serbischer Musik zu machen, stößt man zunächst auf Blaskapellen. Diese, meist eigentlich Roma (der ungebildete Deutsche sagt auch gerne “Zigeuner”) bzw. davon inspiriert, haben in den letzten Jahrzehnten auch international an Populärität gewonnen. Vorgestellt wurden sie uns vom serbischen Regisseur Emir Kusturica (der eigentlich aus der bosnischen Hauptstadt Sarajevo stammt, nur so als Beispiel für die Verzweigung der B/K/S-Länder) und seinem Stamm-Musiker Goran Bregović – in Filmen wie “Crna mačka, beli mačor” (“Schwarze Katze, weißer Kater”), “Underground” oder der bei Johnny Depp Fans bekannte “Arizona Dream”.

Wirft man einen Blick auf die serbischen Charts, stößt man dort zwar auch auf die traditionelle Roma-Blasmusik, allerdings meist in ziemlich geschmacklos abgewandeleter Form. Diese Beleidigung der Intelligenz schimpft sich “Turbofolk” und verbindet das traditionelle mit Techno-Popmusik, meist dahergelallt von glitzernden Tussen wie Ceca oder Jelena Karleuša, etc. Turbofolk hat zudem einen faden Beigeschmack da es unter Milošević populär geworden ist um die Bevölkerung vom eigentlich Geschehen im Land abzulenken und gerne mit Nationalismus in Verbindung gebracht wird.

Viel interessanter ist dagegen die “New Wave” manchmal auch YU-Wave genannt, die in den achtiziger Jahren die Musikszene Jugoslawiens umgekrempelt hat. Dort finden sich viele gute Rockbands von denen die eine oder andere auch heute noch aktiv ist. Für meinen Vorentscheid habe ich von den interessantesten Bands aus den verschiedenen brauchbaren Genres ein Lied ausgesucht was man sich hier anschauen kann. Brauchbar bedeutet das es Musik ist die ich mir anhören würde. Es gibt noch so einige an Genre-Szenen in Serbien, z.b. eine prominente Power Metal Szene oder auch eine große Hip Hop Szene. Damit kann ich leider überhaupt nichts anfangen, darum sind meine Kandidaten eher im klassischen Rock oder im traditionellen Bereich angesiedelt.

Ohne jegliche Ordnung:

  • Boban Marković Orkestar Was wäre ein musikalisches Serbienporträit ohne die temperamentvollen “Trubači” (Roma-Blaskapellen). Ich muss gestehen ich hab ein kleines Faible für osteuropäische Schunkelmusik, ironisch da ich eigentlich keinen Alkohol trinke. Boban Marković ist “der andere Goran Bregović”, wer schonmal last.fm auf “world” gestellt hat, kennt ihn bestimmt.

    Od Srca (“Von Herzem”)

  • Partibrejkers: Diese alten Rocker rocken auch heute noch, wie sie in diesem Live-Video unter Beweis stellen. Sie waren eine der prominentesten Bands der YU-Wave und sind auf dem Balkan immer noch sehr beliebt.

    Zemljotres (“Erdbeben”)

  • ŽeneKese (Verkaufsruf “Frauen – Einkaufstaschen/tüten!”) sind ein Vertreter der musikalischen Welle die heutzutage unter den jungen Musikern durch das Land zieht, auch “Nova Srpska Scena” genannt. Vertreter der Szene sind meist im Alternativ oder Indie-Bereich anzuordnen, oft aber auch im Elektro und “nicht ganz so massentauglichen Pop”. Folgender Song ist rockig-indie, hier und da mit einer subtilen Prise traditionellem Sound gewürzt.

    Šta bi bilo kada bih ti dao sve što imam (“Was wäre passiert wenn ich dir alles gegeben hätte was ich habe”)

  • Riblja Čorba: Schaut man sich die Geschichte der serbischen Rock/Punkszene an, kommt man an Riblja Čorba (deutsch “Fischbrühe”) nicht vorbei, dort spielten sie eine große Rolle. Leider hat das Ansehen der Band in Serbien seit dem Krieg (1991) stark abgenommen, da zu dem Zeitpunkt Frontmann Bora Đorđević mit seinen politischen Äußerungen sein Coming-Out als Nationalist hatte. Ganz wohl fühle ich mich daher nicht sie hier zu erwähnen, aber mir würd’s genauso gehen wenn ich sie nicht erwähnen würde. Daher fällt die Wahl des Liedes auch auf “Kako je lepo biti glup”, zu deutsch “Wie schön ist es dumm zu sein”. (Es stammt aus dem Jahre 1982, also lang vor dem Krieg).

    Kako je lepo biti glup (“Wie schön ist es dumm zu sein”)

  • Block Out: Diese esoterische Grunge-Kombo habe ich zufällig entdeckt, und ich weiss gar nicht ob ich sie wirklich für Serbien ins Rennen schicken möchte. Das folgende Lied ist wohl das melodramatischste dieser Auswahl. Als ich es geguckt habe, fand ich es zunächst nicht wirklich gut. Irgendwie viel zu düster und depressiv. Aber der monotone Gesang hat sich in meinem Kopf festgebohrt und taucht hin und wieder aus dem nichts auf, und das obwohl ich das Lied nur ein einziges Mal gehört habe. Ich lasse euch mal drüber urteilen, es folgt das Video, was die deprimierenderen Ecken (aka sozialen Schwachstellen) von Belgrad zeigt:

    Beograd spava (“Belgrad schläft”)

  • Idoli Die selbsternannten Idole machen auch heute noch ihrem Namen alle Ehre. Sie sind ebenfalls eine der wichtigsten Yu-Wave Bands, ihre Zeit ist aber leider schon lange vorrüber da sie sich 1984 aufgelöst haben. Folgendes Lied ist eine Parodie auf die klassischen russischen Kriegslieder (teilweise auch Russisch gesungen) und sehr stereotypisch für osteuropäische Musik.

    Maljčiki (Der/Die/Das Kleine)

  • Trovači: Zu guter letzt noch ein kleines Ass im Ärmel. Die Balkan-Ska-Reggae-Punk-Band Trovači streckt die Definition “serbisch” in bester Jugoslawienmanier, denn sie besteht aus serbisch-kroatischen und serbisch-ungarischen Mitgliedern, die in Deutschland wohnen und musizieren. Eigentlich sind sie Jugos, eigentlich aber Deutsche, letztendlich weder das eine noch das andere richtig – ein klassisches Migrantendilemma. Obendrauf haben sie sich sogar mal für den echten Eurovision-Song-Contest beworben als dieser in Serbien stattfand – als deutsche Band. Meist singen sie auf serbisch, aber hin und wieder auch mal auf deutsch. Deshalb gibt’s hier jetzt auch zwei Lieder zum anhören, von jeder Variante eins:

    Šta su zapravo Trovači? (“Was ist eigentlich Trovači?”, musikalisches Selbstporträit)

    Paradies (deutschsprachig)

Das war’s auch schon was ich an mehr oder weniger ansprechenden Liedern ausbuddeln konnte ohne auch nur eine Spur von Ahnung von der serbischen Musikszene zu haben. Wer weiss, vielleicht liege ich ja völlig daneben. Aber für’s erste wäre ich dankbar wenn ihr mir in den Kommentaren mitteilt wie ihr die Songs findet und/oder in diesem Poll abstimmt welches euer Favorit ist :) Der Poll ist bis zum 25. April geöffnet, zwei Tage bevor mein Beitrag zum GSC bei Julia erscheint. Letztendlich liegt die Entscheidung bei mir, der Poll wird dabei aber eine große Hilfe sein, wie ich hoffe – noch bin ich nämlich sehr unentschlossen. (Sichtbar mit Javascript).

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10 thoughts on “Muzika iz Srbija: Serbien-Vorentscheid für den Gedankendeponie-Song-Contest

  1. Hui, so viele interessante Informationen!

    Könntest du die Abstimmung um ein oder zwei Tage kürzen? Du solltest nämlich mindestens 24h vorher deinen Beitrag einreichen ;)

    1. Das macht natürlich schon mehr sinn, ich habe den Poll jetzt so eingestellt das er 2 Tage vorher endet :)

      Ich hatte auch schon Bedenken das mein Beitrag zu lang ist, andererseits gehe ich mal stumpf davon aus das der Durchschnittsdeutsche so gut wie nichts über Serbien & die Musikszene dort weiss, deshalb ist das etwas ausführlicher geraten… ich finde solche Hintergrundinfos immer sehr wichtig.

  2. Du hast doch nicht allen Ernstes Emir Kusturica’s “No Smoking Orchestra”, die beste serbische Band aller Zeiten vergessen, oder? ;)Daddy Don’t Ever Die On A Friday” fehlt mir ja wirklich im Vorentscheid. Aber da du auch sonst ganz gute Bands dabei hast, konnte ich mich für ne Alternative entscheiden.

    1. Die hab ich mir natürlich auch angehört, aber irgendwie haben sie mich nicht angesprungen. Vielleicht hab ich einfach nur die falschen Songs erwischt?! Das Lied was du verlinkt hast ist echt cool! Allerdings hab ich serbisch-sprachigen Bands/Songs den Vorrang gelassen, bis natürlich auf Trovači…

      1. Ja, die haben auch nicht ganz so tolle Songs. Ich mag aber die Mischung aus Folklore und Rock, die oft auch ziemlich witzig rüberkommt. Von denen ist z.B. auch ein Großteil des Soundtracks zu “Schwarze Katze, weißer Kater”. Kann deine Entscheidung aber auch nachvollziehen und so wie’s aussieht, ist mein Favorit darunter auch bisher der Spitzenreiter!

  3. Mannomann… da hat sich aber jemand richtig Mühe gegeben! Wenn ich grad mehr Zeit hätte, dann hätte ich’s über Norwegen auch bissel ausführlicher gemacht. Aber ich nehme mal an, dass die norwegischen Bands insgesamt bekannter sind und deshalb ist dein langer Text schon sinnvoll so. Das No Smoking Orchestra hätte ich auch ganz klar hier eingereiht. Wäre aber auch der einzige Kandidat gewesen, den ich sonst gewußt hätte! Naja. Aber du hast wirklich tolle Vorschläge und so kann ich mich trotzdem nicht richtig entscheiden. Ich muss mir die beiden nochmal anhören, glaub ich.

  4. Oh, man kann ja mehrere Stimmen vergeben! Wunderbar! Auf diese Weise habe ich jetzt mal für 3 von deinen Songs gestimmt. Konnte mich nicht entscheiden. Ich hoffe, das war so gedacht!

    1. Ja das ist Absicht, ich gehöre nämlich selbst zu der Sorte Mensch die sich schwer entscheiden kann ;)

  5. Wow, richtig viele Infos! Habe einiges gelernt, danke dafür! :)

    Habe mich mal für die Partibrejkers und Block Out entschieden – kommen meinem Geschmack noch am nächsten.

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